Thema des Monats


War's das schon? Berufliche Sinnkrise in der Rush-Hour des Lebens

Bin ich im richtigen Job? Diese Frage stellen sich viele Menschen. Aktuellen Untersuchungen zufolge ist das Risiko dafür in der Lebensphase zwischen 35 und 45 Jahren am höchsten. Beruflicher Einstieg und Etablierung sind in dieser Phase abgeschlossen, der weitere Weg scheint vorgezeichnet. Anstatt sich zurückzulehnen und sich über das Erreichte zu freuen, geraten viele Arbeitnehmer in eine Krise.


Die Ursachen für das Katergefühl in der Blüte des Berufslebens sind vielfältig. Dabei spielen für die Lebensmitte typische „War das schon alles?“-Gedanken ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass in einer anderen Lebensphase getroffene Entscheidungen aus aktueller Sicht vielleicht nicht mehr passen. Frustration kann sich auch einstellen, wenn nach den Anfangsjahren mit Trainee-Stelle, Auslandsaufenthalt und Orientierung die Festanstellung unter Dach und Fach ist. Statt Abwechslung herrscht Routine, neue Ziele müssen erst definiert werden. Oder es ist die tägliche Überlastung, die zum Problem wird: Familie und Beruf bringen viele an die Leistungsgrenze.


Es sind jedoch längst nicht nur äußere Faktoren, die Motivationskrisen verursachen und Unzufriedenheit hervorrufen. Deshalb laufen typische Lösungsversuche – Weiterbildung oder neue Aufgaben bei zu viel Routine, Arbeitszeitreduzierung oder Delegieren bei zu viel Stress – auch so oft ins Leere. Zeitgemäßere Ansätze berücksichtigen den Aspekt intrinsische Motivation, wenn es darum geht, eine Standortbestimmung vorzunehmen und Wege aus der Krise aufzuzeigen.


Ein Problem, mehrere Ursachen

Jeder Mensch besitzt innere Antreiber, so genannte Motive. Diese sind ein fester Bestandteil unserer Persönlichkeit und ausschlaggebend für Motivation, die ohne äußere Anreize auskommt. Werden diese Motive durch unsere Aufgaben angesprochen, erleben wir Zufriedenheit und fühlen uns leistungsfähig und energiegeladen. Stimmen Motive und Anforderungsprofil dagegen nicht oder nur in geringem Maß überein, drohen Unter- oder Überforderungsgefühle, Stress, Burnout – und die eingangs erwähnten Sinnkrisen, die deshalb oft unerklärlich und „aus heiterem Himmel“ zu kommen scheinen, weil den meisten Menschen ihr Motivprofil gar nicht bekannt ist.


Frustration aufgrund eines zu hohen Anteils an Routineabläufen trifft vor allem Menschen mit einem starken Leistungsmotiv. Dieser Typus ist nur dann wirklich motiviert, wenn der Arbeitsalltag Herausforderungen bereit hält, bei denen Neues gelernt und das eigene Wissen bei der Suche nach der bestmöglichen Lösung erweitert werden kann. Leistungsmotivierte sind es auch, die für sich selbst und andere völlig überraschend nach einem Karrieresprung in die Krise rutschen können. Landen sie nach einer Beförderung plötzlich in der Führungsrolle, vermissen sie meist ihre fachlichen Aufgaben und delegieren diese nur ungern. Die Folge: Konflikte mit Mitarbeitern, Überlastung und Unlustgefühle, die die Betroffenen sehr belasten können – schließlich haben sie doch ein Karriereziel erreicht und müssten sich eigentlich über den Erfolg freuen!


Arbeitnehmer mit einem starken Freundschafts- oder Zugehörigkeitsmotiv können ähnliche Symptome einer Motivations- und Leistungskrise erleben. Die Gründe – und damit notwendigerweise auch die Lösungswege – sind jedoch andere. Da dieser Typus beruflich wie privat großen Wert auf gute soziale Beziehungen legt, ist es hier häufig der Wunsch allen jederzeit gerecht zu werden, der in die Überlastung führt. Erwartungen von Vorgesetzten, Kollegen, Geschäftspartnern und Kunden wollen erfüllt werden, gleichzeitig sollen der Lebenspartner, kleine Kinder und gegebenenfalls ältere Angehörige nicht vernachlässigt werden. Die eigenen Bedürfnisse verlieren Freundschaftsmotivierte dabei schon mal aus dem Blick. Die Folge: Dauerstress und das Gefühl, nie zu genügen, führen irgendwann unweigerlich in die totale Erschöpfung.


Fazit: Es hilft, die eigenen Motive zu kennen

Um Motiven auf die Spur zu kommen bedarf es qualifizierter Testverfahren. Selbst- und Fremdeinschätzung erweisen sich hier als schlechte Ratgeber, da sie zu sehr von gesellschaftlichen Vorstellungen und Idealbildern geprägt sind. Wenn Sie jedoch Ihren Motiven auf den Grund gehen, können Sie nur gewinnen. Auf dieser Basis können Sie ihren Alltag gezielter so strukturieren, dass Ihre Motive so weit wie möglich angesprochen werden. Auch wenn bestimmte äußere Gegebenheiten unverrückbar sind, ist es immer möglich, die eigenen Bedürfnisse besser zu berücksichtigen. Unser Beispiel zeigt: ein- und dasselbe Problem kann verschiedene Ursachen haben. Wo beim Freundschaftsmotivierten die Einplanung von mehr Familienzeit Abhilfe schafft, braucht der Leistungsmotivierte nicht weniger, sondern andere Arbeitsaufgaben, um sich wieder wohl zu fühlen. Sollte das nicht möglich sein, bleibt ihm immer noch die Option, seinen Wissensdurst und seine Ergebnisorientierung in außerberuflichen Projekten zu verwirklichen.

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