Thema des Monats


Karrierewege im 21. Jahrhundert: bloß nicht sesshaft werden!

"Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen" – immer mehr junge Arbeitnehmer machen diese Zeile aus Hermann Hesses berühmtem 'Stufen-Gedicht' zu ihrer Karriere-Leitlinie. Wo früher neben der erbrachten Leistung auch die Dauer der Unternehmenszugehörigkeit beim Aufstieg eine nicht unerhebliche Rolle spielte und Beständigkeit somit quasi eine Karrierevoraussetzung war, sieht die selbstoptimierungsfreudige, Work-Life-Balance-orientierte Generation Y keinen Widerspruch zwischen beruflichem Fortkommen und zeitlich begrenzten Aufenthalten in Unternehmen.


Generation Y: Erfüllung statt Aufstieg?

Häufig wird den U40-Arbeitnehmern deshalb Arbeits- und Aufstiegsscheu unterstellt. Schließlich erfordern verantwortliche Positionen auch ein Maß an zeitlichem wie persönlichem Einsatz, den – so die gelegentliche Klage aus deutschen Chefetagen – die GenY-Angehörigen nicht mehr zu leisten bereit seien.


Wer genauer hinschaut bekommt ein differenzierteres Bild. Karriere- und Verantwortungsscheu oder mangelnder Ehrgeiz lässt sich aus den Werdegängen der Jungen nämlich nicht herauslesen: ihre Lebensläufe strotzen vor guten Noten, qualifizierten Abschlüssen, Auslandsaufenthalten und sonstigen Erfahrungen, der Beruf hat für viele von ihnen einen zentralen Stellenwert in ihrem Leben. Geändert hat sich hingegen das Karriereziel. Häufig wird keine Führungsposition im Unternehmen angestrebt, sondern die eigene Gründung auf Basis bisheriger Erfahrungen.


Arbeitgeber müssen auf die Entwicklung reagieren

Das erkennen auch Arbeitgeber in zunehmendem Maß und präsentieren sich beim Buhlen um die besten Bewerber als moderne Arbeitsplätze mit flachen Hierarchien, kurzen Kommunikationswegen, interessanten Aufgaben und viel Wir-Gefühl. War in Stellenanzeigen unter "Wir bieten" früher häufig “einen sicheren Arbeitsplatz und eine überdurchschnittliche Vergütung” zu lesen, finden sich immer öfter Formulierungen wie “die Möglichkeit, sich kreativ einzubringen” oder “Gelegenheit zur persönlichen Weiterentwicklung”. Ein Umdenken zeichnet sich ab: im Jahr 2016 haben führende Köpfe begriffen, dass der Nachwuchs nicht mehr mit Geld und Karriere geködert werden kann.


Startups befinden sich in einer optimalen Position, auf die geänderten Anforderungen an Arbeitsplätze zu reagieren. Sie werden in der Regel von ebenfalls jungen Chefs gegründet und geleitet, denen es leichter fällt zu verstehen, wie die eigenen Mitarbeiter ticken. Selbst durch die wachsende Vermischung von Arbeit und außerberuflichem Leben geprägt – Motto: im Büro findet nicht nur Arbeit, zu Hause nicht nur Freizeit statt – bieten sie ihren Angestellten entsprechend eingerichtete Arbeitsumfelder, organisieren Teamreisen, setzen auf Wir-Gefühl und wenig Hierarchie. Vor allem aber akzeptieren und fördern sie den Wunsch ihrer Mitarbeiter, nicht in der Firma alt zu werden, sondern sich alle paar Jahre neu auszurichten, statt einer Führungsposition kreative Aufgaben und Autonomie anzustreben und dabei “auf der Durchreise” zu sein.


Prekäre Erfahrungen: vom Handicap zum Wettbewerbsvorteil

Was steckt hinter dieser Rastlosigkeit? Handelt es sich wirklich um Oberflächlichkeit, Flatterhaftigkeit, gar Egoismus und mangelnde Bereitschaft zu Festlegung und Verpflichtung, wie ältere Generationen oft unterstellen? Ganz so einfach ist es nicht. Die Generation Y wurde bei ihrem Berufseinstieg zwischen 2000 und 2010 in vollem Umfang von den Verwerfungen von New Economy, Neoliberalismus und Krisenfolgen getroffen. Prekäre Beschäftigung, unbezahltes Arbeiten, Ich-AG, Kurzzeitverträge, Freelancing und vor allem zeitlich begrenzte, dafür aber intensive Projektarbeit waren an der Tagesordnung und häufig die einzigen Möglichkeiten, Erfahrung zu sammeln. Vor dem Hintergrund fehlender Aufstiegschancen änderte sich das Verhältnis zu Karriere grundlegend. Nun sind die Ansprüche der Anfangs- bis Enddreißiger auf dem Weg, die gesamte Wirtschaft zu ändern.


Die jungen Wilden – in Schule und Studium während der 90er Jahre eher auf klassische Berufswege eingeschworen und auf diese Entwicklung kaum vorbereitet – haben vielmehr die erstaunliche Flexibilität bewiesen, diesen scheinbaren Nachteil in ihren persönlichen Vorteil zu verwandeln. Sie identifizieren sich weniger stark mit Unternehmen und setzen stattdessen auf ein gesundes Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, streben statt lebenslanger Betriebszugehörigkeit Einblicke in alle Bereiche an, wünschen sich statt Top-Gehalt und Firmenwagen ein positives Arbeitsumfeld und erfüllende Aufgaben. Anstatt über die aus Zeitverträgen resultierende Planungsunsicherheit zu jammern, sehen und ergreifen sie die Chance, sich alle paar Jahre neu auszurichten. Hermann Hesse wäre zufrieden mit den GenY-Angehörigen: "Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise/Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen/Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise/Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen," heißt es in seinem Gedicht weiter.


Die schöne neue Arbeitswelt und ihre Folgen

Es ist abzusehen, dass es sich nur um den Beginn eines grundlegenden Wandels handelt. Bisherige Vorstellungen von beruflichem Aufstieg werden radikal hinterfragt. Arbeitgeber müssen sich diesbezüglich neu ausrichten, aber auch auf Arbeitnehmer hat die Entwicklung profunde Rückwirkungen. Klassische Karrierewege – etwa über einen Trainee-Einstieg in großen Unternehmen – werden seltener, an ihre Stelle treten Modelle der Potenzial- und Persönlichkeitsentwicklung, die ebenfalls auf den gestiegenen Wunsch nach Lebens- und Joboptimierung reagieren.


So nähern sich die Vorstellungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern nach den Crashs des frühen 21. Jahrhunderts wieder an. Eigentlich eine Win-Win-Situation. Die verlangt dem einzelnen aber auch ab, mehr in den Beruf einzubringen als nur Fachwissen und sich von der Trennung zwischen Persönlichem und Beruflichem zu verabschieden. Und noch einen “Haken” hat die neue Situation: in Krisenzeiten werden die Ideen von Partizipation und Hierarchiefreiheit oft schnell verworfen. Dann wird aus dem partnerschaftlichen Chef eben doch ein Unternehmer, der sich an Zahlen orientiert – und die Mitarbeiter ohne viel Federlesen feuert.


Erfolgreiche Unternehmen setzen deshalb auf eine klare Verbindung von Wohlfühlfaktor und Wirtschaftserfolg. Wer loungige Büros und familiäre Atmosphäre mit Kuschelpolitik, Laissez-faire und wenig Arbeit verwechselt, irrt sehr: gerade den krisenerfahrenen Generation Y-ern ist bewusst, dass der Erhalt der neuen Modelle eben doch von ihrer wirtschaftlichen Lebensfähigkeit abhängt. Dafür, und das zeichnet sie aus, sind sie aber auch bereit, sich mit aller Kraft einzusetzen, wie sie es für einen Firmennamen oder den Chef allein nicht tun würden. Fazit: heutige Arbeitnehmer denken unternehmerischer, für sie steht mehr auf dem Spiel als "nur" ein Job. Somit könnte sich der Trend zu “unsteten” Berufsbiografien langfristig als sehr zukunftsweisende und zeitgemäße Entwicklung etablieren.


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