Thema des Monats


New Work: Revolution oder Evolution?


Die schöne neue Arbeitswelt, sie ist in aller Munde: wo Arbeitgeber mehr Flexibilität, Individualität, Home Office und demokratischere Arbeitsstrukturen anpreisen, sehen Mediziner und Psychologen eher Gefahren. Sie erwarten eine zunehmende Selbstausbeutung von Arbeitenden und Entgrenzung von Arbeit, die nicht selten in die totale Erschöpfung führt. Die richtige Balance zwischen Boom und Burn-out ist nicht leicht zu finden. Ist “New Work” ein Fortschritt oder nur ein neues Schlagwort für alte Missstände?


Vieles ist gar nicht so neu

Strukturwandel in der Arbeitswelt ist tatsächlich kein neues Phänomen. Zwischen den großen Umbruchsphasen Industrialisierung und Digitalisierung gab es zahlreiche kleinere Veränderungen, die Unternehmen und Erwerbstätige immer wieder zu Anpassungen zwangen. Politik, Gesetzgebung und Arbeitnehmervertretungen versuchten immer wieder, diese extremen Auswüchse zu begrenzen und durch Mitbestimmung und Regelung von Arbeitszeit und -bedingungen Schutznetze zu spannen. Was neu ist, ist das Tempo der Entwicklung: kürzere Produktlebenszyklen, schnelle und tiefgreifende politische Umbrüche (Stichwort Brexit), wirtschaftliche Schwankungen und technologische Innovationen. All diese Einflüsse zwingen uns in immer kürzeren Intervallen zum Umdenken.


Demokratisierung – oder Diktat der Wirtschaft in neuem Gewand?

New Work wird von ihren Verfechtern gern als ultimative Demokratisierung gefeiert. Vorbei die Zeiten der hierarchischen Arbeitsorganisation! Herausforderungen und Projekte werden immer öfter von bestens vernetzten Teams bewältigt. Teams verteilen die Aufgaben inklusive Führung demokratisch. Sie begegnen einander im Extremfall gar nie persönlich, da sie als „globale Nomaden“ über den ganzen Globus verstreut mit dem Laptop arbeiten. Klar, dass das mehr Flexibilität in Sachen Arbeits- und Lebensgestaltung mit sich bringt. Die Herausforderung dabei: wo es keinen festen Arbeitstag mehr gibt, gibt es auch keinen Feierabend mehr. Stressoren wie Dauerverfügbarkeit und Informationsflut nehmen zu, oft sehen sich Menschen allein mit mehreren Hundert E-Mails pro Tag konfrontiert. Wo Freiberufler heute Aufgaben dezentral abarbeiten, greifen Arbeitszeitgesetze nicht mehr.


Fachwissen = out?

Die Herausforderung liegt allerdings nicht allein in der Menge der anfallenden Arbeit. Erfolg wird immer mehr abhängig von der Passung der eigenen Persönlichkeit zur Aufgabe. Dieser Person-Job-Fit lässt oft zu wünschen übrig. Arbeitnehmer stellen häufig ernüchtert fest, dass in vielen Jahren erworbene Fachkenntnisse schnell veraltet sind oder kaum gebraucht werden, weil sich Jobs immer schneller wandeln. Die Realität am Arbeitsplatz hat mit dem angestrebten Berufsbild dann unter Umständen wenig zu tun. Für Fortbildungen lässt der hektische Arbeitsalltag wenig Zeit, und nicht wenige erleben das rasante Tempo des Umbruchs als permanente Überforderung.


New Work braucht New Worker

Eine Patentlösung gibt es nicht. Klar ist, überfachliche Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung. Damit sind nicht nur die klassischen “soft skills” gemeint, vielmehr gilt es, ganz neue Strategien der Problemlösung zu entwickeln. Mit „emergent practices“ gelingt dann die schrittweise Anpassung an sich stetig verändernde Rahmenbedingungen. Das Erfolgsrezept lautet heute: Ausprobieren, Erkennen und Reagieren. “Agile mindset” ist in diesem Zusammenhang ein gern gebrauchtes Schlagwort – und praktisch das genaue Gegenteil dessen, was in sehr großen Unternehmen oder Behörden noch immer vorherrscht: flexibel und lernfähig statt statisch, widerstandsfähig statt hilflos, neugierig statt ängstlich-vermeidend in Bezug auf Neues. Um das zu ermöglichen, bedarf es Arbeitsstrukturen, die Wachstum und Entwicklung ermutigen. Genau hier ist auch ein neues Führungshandeln im Spannungsfeld dieser New Work Herausforderungen gefragt. Ob „Inclusive“ oder „Collaborative Leader“ - im Vordergrund steht die Unterstützung beim Gehen neuer Wege. Mehr denn je sind Führungskräfte heute gefordert, nicht nur Chefs und Anweiser zu sein, sondern Mentoren, Förderer und Potenzialentwickler.


Fazit

New Work ist nicht besser oder schlechter als tradierte Arbeitsformen, sondern vor allem fundamental anders. Einen Weg daran vorbei gibt es nicht. Am Versuch, den Kopf in den Sand zu stecken und die Anforderungen von heute mit Methoden von gestern zu bewältigen, sind in der Menschheitsgeschichte nicht nur Unternehmen, sondern ganze Staaten und einstige Weltreiche gescheitert. Schon Charles Darwin prophezeite „survival of the fittest“ – es überleben nur diejenigen, die am besten angepasst sind!


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